1701 – Vor 325 Jahren kamen die Waldenser von Mörfelden-Walldorf in ihre neue Heimat
WALDENSERWEG-FÜHRUNG am 17.05.2026 - Fotoausstellung über das Palmbacher Jubiläumsjahr 2001 in den Sommerferien:
Vor 325 Jahren, an einem Mittwoch, dem 4. Mai 1701, trafen die protestantischen Waldenserflüchtlinge im lutherischen Grünwettersbach ein, das damals – ebenso wie Untermutschelbach – zum Herzogtum Württemberg gehörte. Eine Gruppe von etwa 250 waldensischen Glaubensflüchtlingen fand in unserer Region eine neue Heimat.
Die Waldenser waren aus den Waldensertälern im piemontesischen Pragelatal – wegen ihres protestantischen Glaubens – vertrieben worden und hatten sich von 1699 bis 1701 vorübergehend in Mörfelden-Walldorf aufgehalten. Doch die Lebensbedingungen dort waren schwierig: Es fehlte an ausreichend fruchtbarem Land, die Bodenqualität war schlecht, und eine sichere Zukunft zeichnete sich nicht ab. Daher suchte ein Teil der Gemeinschaft nach neuen Siedlungsmöglichkeiten.
Im August 1700 wandten sich die Anführer Jean Balce und Laurens Berger aus Walldorf zunächst vergeblich an Baden-Durlach, bevor sie im Oktober desselben Jahres die herzoglich württembergische Regierung um Aufnahme baten. Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg gab die Zusage, einen Teil der Flüchtlinge in seinem Land aufzunehmen, da er nach den Verwüstungen und Bevölkerungsverlusten infolge zahlreicher Kriege und Krankheiten an der Ansiedlung neuer Einwohner interessiert war. Grünwettersbach hatte in dieser Zeit noch ungefähr 30 Bürger (Haushaltsvorstände mit Bürgerrecht), was je nach Familiengröße etwa 100 bis 150 Personen entsprach.
Am 22. April 1701 erhielten die Waldenser in Walldorf von Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt die Genehmigung zum Abzug. Drei Tage später, am 25. April 1701, wurden den abziehenden Waldensern ihre Reisepässe ausgestellt. In den darauffolgenden Tagen führte Pierre Berger, der in Walldorf zum Bürgermeister gewählt worden war, die Waldenser nach Grünwettersbach und blieb auch dort zunächst in dieser Funktion tätig. Von den Walldorfer Bewohnern blieben 14 Familien mit 56 Personen im neugegründeten Walldorf bei Mörfelden.
Die etwa 250 Personen umfassende Waldensergruppe machte sich mit ihrem gesamten Hab und Gut auf einen beschwerlichen, rund 130 Kilometer langen Fußmarsch von Mörfelden-Walldorf in ihre neue Heimat. Welchen genauen Reiseweg sie dabei nahmen und wie lange die beschwerliche Wanderung tatsächlich dauerte, ist bislang nicht eindeutig erforscht. Nach ihrer Ankunft wurden die Familien auf drei Orte verteilt: 14 Familien mit 59 Personen kamen nach Untermutschelbach, 15 Familien mit insgesamt 78 Personen fanden zunächst im badischen Kleinsteinbach Aufnahme. Diese Waldenser verließen Kleinsteinbach jedoch im Jahr 1719 wieder und zogen nahezu geschlossen weiter. Weitere 30 Familien mit 111 Personen wurden in Grünwettersbach angesiedelt.
Die Ankunft in Grünwettersbach war trotz offizieller Zuweisung kaum vorbereitet. Weder Unterkünfte noch ausreichende Vorräte standen bereit, sodass der Neuenbürger Vogt die Familien kurzfristig in den Häusern der oft skeptisch eingestellten Alteinwohner unterbringen musste. Besonders in Grünwettersbach war die Stimmung angespannt, da die Bevölkerung Nachteile bei Weiderechten und der Nutzung des Landes befürchtete.
Am 26. Juni 1701 leisteten alle waldenserischen Männer über 16 Jahre – 38 Personen in Grünwettersbach und 16 in Untermutschelbach – den Treueeid auf Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg. Damit erkannten sie ihn offiziell als ihren neuen Landesherrn
an und wurden rechtlich als Untertanen in das Herzogtum aufgenommen. Zugleich erhielten sie die ihnen zugesicherten Waldenserprivilegien, darunter freie Religionsausübung, eigene Gemeindeverwaltung sowie zeitlich befristete Steuer- und Abgabenfreiheit. Dieser Eid markierte ihren politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Neuanfang in Württemberg. Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg war der Schwager des Karlsruher Stadtgründers Carl Wilhelm von Baden.
Ursprünglich war vorgesehen, die Waldenser in Grünwettersbach innerhalb des bestehenden Dorfes anzusiedeln. Doch sowohl die Neuankömmlinge als auch die einheimische Bevölkerung standen dieser Lösung ablehnend gegenüber. Daraufhin entschied Herzog Eberhard Ludwig, einen Teil der Grünwettersbacher Gemarkung abzutrennen und dort eine eigenständige Waldenserkolonie zu errichten.
Mit der Ankunft der Waldenser 1701 in Grünwettersbach und der Gründung Palmbachs im Jahr 1702 begann die bis heute prägende Geschichte der Waldensergemeinde Palmbach. Der Gedenktag erinnert an die Ankunft dieser mutigen Glaubensflüchtlinge vor 325 Jahren, an ihren schweren Neuanfang unter schwierigen Bedingungen und an den Beginn der Ortsgeschichte Palmbachs als eigenständige Waldenserkolonie.
Palmbach entsteht
Mit der Entscheidung Herzog Eberhard Ludwigs von Württemberg begann in den Jahren 1701/1702 die planmäßige Gründung Palmbachs als eigenständige Waldenserkolonie. Nachdem die in Grünwettersbach aufgenommenen Waldenserfamilien weder dauerhaft im alten Dorf untergebracht werden konnten noch wollten, wurde ein Teil der Grünwettersbacher Gemarkung für eine neue Siedlung abgetrennt. Dies war die Geburtsstunde der Waldenserkolonie Palmbach. So entstand im Jahr 1702 der neue Ort, der später in Anlehnung an den Herkunftsort La Balme den Namen Palmbach erhielt. In Untermutschelbach hingegen blieben die Waldenser dauerhaft im bestehenden Dorf und lebten dort gemeinsam mit der alteingesessenen Bevölkerung.
Die Grundlage für die neue Kolonie bildete eine sorgfältige Vermessung und Ortsplanung. Bereits Ende 1700 hatten der Maulbronner Vogt Georg Martin Greber und Feldmesser Johannes Stahl die verfügbaren Flächen begutachtet. Von der Grünwettersbacher Gemarkung mit 1.100 Morgen Land lagen damals rund 600 Morgen bereits 30 bis 40 Jahre brach. Die endgültige Vermessung und Parzellierung erfolgten 1702 durch den Geometer Georg Ahr aus Gräfenhausen.
In Grünwettersbach standen den Waldensern insgesamt 339 Morgen Ackerland zur Verfügung, was etwa 115 Hektar entspricht. Hinzu kamen weitere 17¼ Morgen für die eigentliche Dorfanlage mit Straßen, Hofstätten, Kirche, Friedhof sowie Pfarr-, Schul- und Rathaus. Diese Fläche entsprach etwa 5,9 Hektar. Insgesamt umfasste die neue Kolonie Palmbach somit rund 360 Morgen, also etwa 113 Hektar verwildertes Acker- und Wiesenland sowie einige kleine Waldstücke.
Für die zunächst vorgesehenen 31 Familien wurden 31 Hofplätze ausgewiesen. Jeder Hofplatz umfasste etwa ½ Morgen, was rund 1.700 Quadratmetern entsprach. Diese Grundstücke boten ausreichend Raum für Wohnhaus, Scheune, Hofraum und Küchengarten. Die Waldenser errichteten zunächst nur einfache Holzbaracken für Mensch und Vieh. Erst nach und nach wurden Häuser mit Stallung gebaut. Im Jahre 1715 wird von fünf gebauten Häusern mit Scheunen berichtet.
Ursprünglich waren pro Familie 12 Morgen Ackerland vorgesehen, was etwa 4,1 Hektar entsprach. Nach Einspruch der Waldenser wurde diese Zuteilung jedoch auf 15 Morgen pro fünfköpfige Familie erhöht, entsprechend rund 5,1 Hektar pro Familie. Größere oder kleinere Familien konnten entsprechend mehr oder weniger Land erhalten. Die Felder wurden nach der sogenannten Dreizelgenwirtschaft in drei große Teile aufgeteilt, die nacheinander unterschiedlich genutzt wurden (ein Teil Getreide, ein Teil andere Früchte, ein Teil lag brach zur Erholung des Bodens). Jede Familie bekam in jedem dieser drei Bereiche einen Anteil von etwa 5 Morgen Land zugeteilt, sodass sie ihre Felder gleichmäßig über die gesamte Gemarkung verteilt bewirtschaften konnte.
Für die Kirche wurde ein Grundstück von ½ Morgen (ca. 1.700 Quadratmetern) reserviert. Das kombinierte Schul-, Pfarr- und Rathaus erhielt 1¼ Morgen, was rund 4.300 Quadratmetern entsprach. Auch für den Friedhof wurden Flächen eingeplant.
Auch die Straßenplanung war bemerkenswert großzügig: Die Gassen sollten zwischen 30 und 40 Schuh breit sein, was etwa 8,6 bis 11,5 Metern entsprach. Dies war vermutlich dem Wetterbach-Graben geschuldet, der durch das Tal führte und beidseitig bei der Vermessung berücksichtigt werden musste. Dadurch entstand für damalige Verhältnisse eine ungewöhnlich geordnete und moderne Siedlungsstruktur.
Palmbach war somit keine zufällig gewachsene Ortschaft, sondern von Anfang an eine exakt geplante Kolonie. Die systematische Vermessung, die großzügige Grundstücksvergabe sowie die vorausschauende Anlage von Straßen, Gemeindeflächen und landwirtschaftlichen Nutzflächen bildeten die Grundlage für die dauerhafte Entwicklung des Ortes. Bis heute erinnert die klare Struktur Palmbachs an seine Entstehung als sorgfältig geplante Waldenserkolonie des frühen 18. Jahrhunderts.
Die Waldenser in Untermutschelbach und zunächst in Grünwettersbach, später im neu gegründeten Palmbach, wurden in den ersten Jahren seelsorgerlich von den französischsprachigen reformierten Pfarrern aus Auerbach betreut. Den Waldensern in Kleinsteinbach war die Teilnahme an diesen Gottesdiensten jedoch nicht gestattet, da sie außerhalb des württembergischen Territoriums, nämlich im Markgrafentum Baden-Durlach, lebten. Ab 1720 hatten Palmbach und Untermutschelbach erstmals einen gemeinsamen eigenen Pfarrer.
Fotoausstellung in der Waldenserkirche:
„300 Jahre Palmbach - Rückblick auf das Jubiläumsjahr 2001"
Vom 02. August bis 13. September 2026
Anlässlich des 325-jährigen Jubiläums der Ankunft der Waldenser in ihrer neuen Heimat möchten wir mit einer Fotoausstellung an dieses besondere Ereignis erinnern.
Viele Bürgerinnen und Bürger erinnern sich noch an das Jubiläumsjahr 2001, das mit zahlreichen Veranstaltungen über das gesamte Jahr gefeiert wurde. Besonders in Erinnerung geblieben ist das große historische Dorffest: Bei diesem bisher größten Fest in Palmbach feierten die Einwohnerinnen und Einwohner zusammen mit den Palmbacher und mehreren Grünwettersbacher Vereinen zwei Tage lang mit Festbetrieb und historischen Ausstellungen und Aufführungen auf der Hauptdurchgangsstraße und den Nebenstraßen das Ortsjubiläum „300 Jahre Palmbach“.
Mit der geplanten Fotoausstellung, die in den Sommerferien vom 02. August bis 13. September 2026 in der Waldenserkirche stattfinden wird, wollen wir an das Jahr 2001 erinnern und die Erinnerungen an dieses besondere Jubiläumsjahr lebendig halten.
Hierzu suchen wir Ihre Fotos!
Da 2001 die digitale Fotografie gerade erst begann, befinden sich viele Bilder noch in privaten Fotoalben oder in den Archiven der örtlichen Vereine und Organisationen. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns Ihre Fotos – als Papierbild oder digital – für die Ausstellung zur Verfügung stellen würden.
Sollten uns viele Fotos aus dem Jahr 2001 erreichen, ist zusätzlich zur Fotoausstellung auch eine Multimedia-Vorführung aller Bilder möglich. Wir danken Ihnen im Voraus für Ihre Unterstützung und freuen uns darauf, mit Ihren Fotos das Jubiläumsjahr 2001 noch einmal lebendig zu machen.
Kontakt:
Roland Jourdan
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